“Stimme der Väter” im Weihnachtsrundbrief 2014

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“Stimme der Väter” im Weihnachtsrundbrief 2014

„Sicher ist bisher nur, daß in und durch ,DDR 1949 bis 1989‘ sich eine ziemlich unionistische
evangelische Theologie und Kirche herausgebildet hat, die in Zukunft daraus politisches Kapital
schlagen kann, daß ohne den riskanten Einsatz evangelischer Pastoren, Gemeinden und
Kirchenleiter die im Herbst 1989 erzwungene Veränderung des öffentlichen Lebens in der DDR
nicht erfolgt wäre.

Diese Veränderung ist allgemein-menschlich, staatsbürgerlich und auch als für
das kirchliche Ansehen in Gesellschaft und Staat nützlich zu würdigen. Aber sie ist – wie jede
Vermischung von weltlichen und geistlichen Anliegen – doppeldeutig. Preces et lacrimae arma
ecclesia sunt. (‚Gebete und Tränen sind die Waffen der Kirche‘) Daran wird sich heute und morgen
entscheiden, ob die Kirchen hier ihrem geistlichen Wesen gemäß gehandelt haben. Sofern sie allein
gewaltlose und leidensbereite Demonstrationen der entmündigten und selbstverantwortlichen
Bürger unterstützen, haben sie geistlich entschieden.

Voraussichtlich werden wir bald eine Konjunktur des ‚evangelischen‘ Zeitgeistes in den DDRLandeskirchen
zu gewärtigen haben, die sich in den Kirchen der westdeutschen EKD und im
protestantischen Ausland auswirken wird. Der mutige Einsatz der ev. Kirchen in Ulbrichts und
Honeckers DDR für das humanum, für die verweigerten und unveräußerlichen bürgerlichen
Grundrechte in einem auf Helsinki 1975 verpflichteten Gemeinwesen, kann als geistlich berechtigt
und erforderlich beurteilt werden.

Es bleibt aber die Rückfrage, ob diese Politisierung der Kirche im
Sozialismus nicht geistlich negative Folgewirkungen auf die Kirche Jesu Christi als den die Welt
transzendierenden Offenbarungsort des Dreieinigen Gottes nach sich ziehen muss. In allen Lagen
muss Kirche Kirche bleiben, sonst nimmt sie geistlich Schaden. Eine solche kritische Rückfrage an die
Kirchen in der DDR ist angesichts historischer Erfahrungen und aufgrund der herkömmlichen
Friedfertigkeit von Deutschen mit leidvoller Lebenserfahrung nicht unbegründet. Jedenfalls müssen
wir uns darauf einstellen, daß der ‚evangelische‘ Zeitgeist in Ost und West noch mehr als bisher die
kirchlich-theologische Meinungsbildung beeinflussen wird.“

August Kimme, 1950 – 1960 Generalsekretär des Luth. Einigungswerkes, bis
1981 Vizepräsident. Vorwort zu seiner Veröffentlichung „Um lutherische
Kirche und Mission“, © 1990 im Eigenverlag

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