“Stimme der Väter” im Weihnachtsrundbrief 2015 – Über die Einheit der Christenheit

„Angesichts der Zerspaltung der Christenheit darf daher das Gebet um Wiedervereinigung nicht aufhören Auch die lutherische Kirche hat dazu ihren Beitrag zu liefern, und dies mit tieferem Ernst, wenn sie von sich selbst glauben darf, dass sie das Evangelium und die Sakramente nach dem rechten Verstand des Neuen Testaments bewahrt. Sie kann diesen Anspruch nur erheben, wenn sie die ihr geschenkte Wahrheit anderen nicht vorenthält. […]
So ist die Frage nach der Einigung im Grunde die Frage, wo Christus gegenwärtig ist. Die Antwort kann nur lauten: Er ist da, wo er selbst verheißen hat, gegenwärtig zu sein, nämlich in seinem Wort und in seinen Sakramenten. […] Christus ist nicht da, wo wir oft meinen, dass er sei, nämlich in unserer Hingabe und dem Ernst unserer Bekehrung oder in dem, was wir an Kirche ,,bauen”. Er ist vielmehr da, wo er selbst seine Gegenwart setzt, weil es ihm so beliebt, so dass wir diese einigende Gegenwart nur entdecken und uns aneignen können. […]
Der Einwand liegt nahe und wird oft erhoben, dass die Betonung der rechten Lehre gerade die Kirche entzweit habe, wie sie auch das Sichzusammenfinden hindere oder doch verzögere. […]
In Wirklichkeit führt die Wahrheit nicht auseinander, sondern einigt, ja nur allein sie kann zu richtiger Einigung führen. Wer die Wahrheit hat, wird notwendig Mittelpunkt für alle Irrungen, die sich an dieser Wahrheit zurechtfinden können. Darum hat man nicht zu Unrecht die lutherische Kirche die ,,Konfession der Mitte” genannt. Was in der katholischen und reformierten Kirche an Wahrheit ist, aber hier in extremer Weise überspitzt ist, wird in der lutherischen Lehre und Praxis zusammengefasst. […] Das ist [der Grund], warum jeder, der aus einer anderen Konfession zur lutherischen Kirche kommt, alles was er an echter Wahrheit besaß, nicht zu entbehren braucht, sondern geläutert und aus falscher Zuspitzung gelöst, wiederfindet. Hier, in dieser – in einem tiefen Sinn verstandenen – ,,Mitte” kann sich finden, was sich zertrennt hat. Darum ist die Einigung der lutherischen Kirche immer zugleich ein Schritt zur Einigung der ganzen Kirche Christi.“

Prof. Ernst Sommerlath, Vors. des GA 1952 in „Weg und Ziel des Lutherischen Einigungswerkes“

Pressemitteilung: Einladung Lutherischer Tag 2018

Pressemitteilung Lutherisches Einigungswerk (Werk der VELKD): Der Mensch vor Gott

Das Lutherische Einigungswerk (Werk der VELKD) veranstaltet am Mittwoch, den 27. Juni, in Leipzig den Lutherischen Tag. Das Thema lautet: „Der Mensch vor Gott“. Begonnen wird diese Tagung mit einem Gottesdienst, welcher 10:00 in der Nordkapelle der Nikolaikirche anfängt.

Fortgesetzt wird die Tagung 10:45 mit einem Vortrag von Prof. Dr. Oswald Bayer (Tübingen). Der Vortrag trägt das Thema „Sünder und Gerechter zugleich“. Er wird im Rittersaal der Nikolaikirchgemeinde (Ritterstr. 5) stattfinden. Mit einer Mitgliederversammlung am Nachmittag ab 14:30 wird das Treffen abschließen.

Das Lutherische Einigungswerk steht dafür, die evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland zu stärken, die bekenntnisgemäße reine Lehre des Evangeliums zu vertreten und zu wahren, die gemeinsamen kirchlichen Interessen zu fördern und zu beschützen, sowie die christliche Gemeinschaft zu pflegen.

Weitere Informationen finden sich unter www.einigungswerk.org

Eine formlose Anmeldung wird unter info@einigungswerk.org erbeten.

Was bedeutet “lutherisch”?

 

Was ist lutherisch?

Viele Kirchen nennen sich “lutherisch”. Aber was bedeutet das? Ist es wirklich, wie man oft lesen kann, lediglich eine Verehrung Martin Luthers?

Lutherisch war zunächst eine Fremdbezeichnung – ein Schimpfwort – gegen die Anhänger der Lehre Martin Luthers. Später hat man es selbst gebraucht, um die Unterschiede zu anderen Lehrauffassungen deutlich zu machen. Inhaltliche, lehrmäßige Differenzen wurden deutlich gemacht. Lutherisch sein ist also nicht an die Person Martin Luther gebunden. All sein Wirken und Tun ist nicht entscheidend.

 

Entscheident für diese Frage sind die Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche. Diese sind zusammengetragen im Konkordienbuch. In diesen Bekenntnissen wird der christliche Glaube definiert und erklärt. Die Lutherischen Kirchen betrachten die Aussagen der Bekenntnisse als schriftgemäß (d.h. das wiedergebend, was in der Bibel als Ganzes gelehrt wird) und wahr.

Der einzelne, persönliche Glaube findet in diesen Worten Ausdruck, weil sie eine Wiederholung und Zusammenfassung der biblischen Lehre darstellen.

 

Was also ist ein Lutheraner?

Lutheraner sind Menschen, welche glauben, dass Gott in der Bibel  gesprochen hat. Sie glauben, dass die Bibel die allein entscheidende Relevanz für alle Fragen des Glaubens hat.

Sie glauben, dass dieses Wort Gottes in richtiger Weise von den Bekenntnisschriften erklärt und gelehrt  wird. Die Bekenntnisschriften sind damit ein Bekenntnis zur und von dem Evangelium von Jesus Christus.

Konfessionelle Lutheraner sind überzeugt davon, dass alle christliche Lehre mit den Bekenntnisschriften konform gehen soll. Das mag vielleicht ziemlich arrogant und verknöchert klingen. Es ist aber lediglich ein Ausdruck der Überzeugung, dass der Heilige Geist  uns auf diese Weise bewegt hat, unseren Glauben gegenüber der Welt zu bekennen. Er selbst hat uns geführt – wir haben uns dieses Bekenntnis also nicht ausgesucht.

Konfessionelle Lutheraner ehren das Wort Gottes, die Bibel. Dieses Wort sagt, dass es Gottes Wille ist, dass die Kirche in Einigkeit über die Lehre friedlich gegenüber dem anderen leben und den Glauben bekennen soll (1. Kor 1,10; 2. Kor 13,11). Die Bekenntnisse erachten sie als überaus klare, akkurate und tröstend-ermutigende Lehre der Bibel, wie sie von keinem anderen christlichen Dokument sonst erreicht werden.

 

Die Leuenberger Konkordie – theologische Probleme aus Sicht des Einigungswerkes

Dies ist der zweite Teil eines Beitrags unseres stellvertretenden Vorsitzenden Karl-Hermann Kandler zur Leuenberger Konkordie und ihren Problemen aus lutherischer Sicht:

 

War bereits im vorhergehenden Beitrag zur Leuenberger Konkordie im Grundsätzlichen aus lutherischer Sicht Stellung genommen worden, so soll nun noch auf einige inhaltliche Aspekte eingegangen werden.

Auch zum hl. Abendmahl wurde bereits das Nötige gesagt und wird darum hier nicht wiederholt. Es empfiehlt sich, bei der Lektüre dieses Aufsatzes die Leuenberger Konkordie zum Vergleich zur Hand zu nehmen (Ev. Gesangbuch Nr. 811).

  1. Es ist – wie auch in der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen (Nr. 810 im Gesangbuch) – von der „freien Gnade Gottes“ die Rede, so in Nr. 12. Sicher ist Gott frei, wem er seine Gnade schenkt, aber es wird nicht gesagt, dass er sich gebunden hat, diese Gnade in Wort und Sakrament zu geben. Es ist richtiger von der „gebundenen Gnade Gottes“ zu reden. Von der Beichte ist überhaupt nicht die Rede, reformierte Theologie kennt sie so nicht.
  2. In Nr. 13 (vgl. auch Nr. 21) heißt es, dass Jesus Christus in den Gnadenmitteln Wort und Sakramente „durch den Heiligen Geist gegenwärtig“ ist. Das klingt so, als ob Jesus Christus, Gottes Sohn, nicht selbst gegenwärtig sein könne. Er ist vielmehr selbst in seinem Wort und in den von ihm gestifteten Sakramenten gegenwärtig; der Heilige Geist lässt uns diese Gegenwart im Glauben erkennen. Christus ist also nicht Objekt, sondern Subjekt des göttlichen Handelns an uns. Christus ist nicht abwesend („im Himmel“), sondern unter uns gegenwärtig. Die Dreieinigkeit wirkt wohl als der eine Gott, aber wir können die Werke der trinitarischen Personen ihnen auch einzeln zuordnen. Das trinitarische Handeln Gottes wird hier gar nicht thematisiert.
  3. Im Entwurf der Konkordie war zunächst nicht gesagt worden, dass die hl. Taufe mit Wasser vollzogen wird. Das entsprach der Theologie von Karl Barth. Im endgültigen Text wurde das mit Recht geändert. Aber auch jetzt ist (Nr. 14) nicht von der Wiedergeburt die Rede (Joh. 3,5; Tit. 3, 5), immerhin aber von der „neuen Kreatur“. Von der Kindertaufe wird überhaupt nicht gesprochen.
  4. Zur Christologie (Nr. 21f.) ist zu sagen, dass es sich bei den Unterschieden zwischen reformierter und lutherischer Theologie doch nicht nur um „geschichtliche Bedingtheiten“ handelt. Zweifellos ist hier das, was reformierte Theologie sagt (Christus nach seiner Himmelfahrt „nur“ im Himmel, nicht auf Erden) gar nicht angesprochen. Lutherischer Theologie geht es darum, dass Christus ganz Gott und ganz Mensch und überall gegenwärtig ist (Joh. 1, 14; Matth. 28, 20).
  5. In den Aussagen zur Prädestination ist aufgenommen, was lutherischer Theologie immer wichtig war, nämlich Gottes bedingungslose Liebe zum sündigen Menschen. Vom Gericht Gottes am Ende der Zeit wird nicht gesprochen.
  6. Der in Nr. 27 genannten Folgerung, dass die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht mehr zutreffen, können wir aus Treue zur Heiligen Schrift und zu unseren Bekenntnissen nicht zustimmen. Es heißt ja auch ausdrücklich, dass „die von den Vätern vollzogenen Verwerfungen nicht als unsachgemäß bezeichnet“ werden können. Wenn sie also sachgemäß waren, so sind sie es auch heute noch. Nicht der Zeitgeist entscheidet darüber, was sachgemäß ist.
  7. Die Aussage von Nr. 28 ist an sich richtig, doch die in der Gestaltung des Gottesdienstes empfundenen Unterschiede sind ja Folgen von Lehrunterschieden. Das wird hier völlig bagatellisiert. In Nr. 29 (u. a.) wird eine „gewonnene Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums“ behauptet. Wir können jedoch nicht von einer Übereinstimmung reden. Darum ist Kirchengemeinschaft noch nicht möglich, weil es eben keine Übereinstimmung in der Wahrheit (Nr. 36) gibt.
  8. Im Gesangbuch sind die folgenden Sätze (3-5; 30-34, 36 ff.) nicht abgedruckt. Hier geht es um weitere Probleme, die zwischen den lutherischen und reformierten Kirchen bestehen (Amt, Ordination, Zwei-Reiche-Lehre). Sie seien in weiteren Lehrgesprächen zu behandeln. Solche haben inzwischen stattgefunden. Ob diese zu einer Übereinstimmung geführt haben, wird unterschiedlich gewertet.
  9. Gegen Ende der Konkordie wird (Nr. 37-39) behauptet, die reformatorischen Bekenntnisse stünden weiterhin in Kraft. Wie können sie das aber, wenn sie sich – eben auch in ihrem Wortlaut – gegenseitig ausschließen? Es bleibt die Frage: Was ist Wahrheit? Es ist uns Lutheranern häufig der Vorwurf gemacht worden, wir hingen an einem statischen Bekenntnisbegriff. Das Gegenteil ist der Fall! Wir bekennen in den Bekenntnisschriften unserer Kirche heute unseren Glauben!

 

In diesem Jahr 2017 wird daran erinnert, dass vor zweihundert Jahren der preußische König Friedrich Wilhelm III in seinem Herrschaftsgebiet die Union zwischen lutherischen und reformierten Gemeinden/Kirchen eingeführt hat. Diese Einführung war verbunden mit Gewaltmaßnahmen (bis hin zu Gefängnisstrafen!) gegen diejenigen, die sich der Union verweigerten. In anderen deutschen Ländern – wie Baden, Hessen, Pfalz – war es nicht anders. Wir können nicht erkennen, dass auf solchen Unionen ein Segen gelegen hat. Bekenntnisbewusste Lutheraner haben sich damals von ihrer Landeskirche trennen müssen, es entstanden lutherische Freikirchen (heute vor allem in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche – SELK – vereinigt). Das Lutherische Einigungswerk ist mit ihnen eng verbunden, möchte aber ebenso das bekenntnisbewusste Luthertum in den Landeskirchen stärken. Darum halten wir die Leuenberger Konkordie nicht als für eine Kirchengemeinschaft bekenntnisverschiedener Kirchen ausreichend. Wir bejahen sicher, wenn sich diese einander durch Lehrgespräche annähern, aber es muss bei der Wahrheit des Evangeliums bleiben. Vor allem müssen wir widersprechen, wenn heute – wie öfters geschehen – gesagt wird, wer die Leuenberger Konkordie nicht anerkenne, könne nicht Pfarrer in der jeweiligen Landeskirche sein. Da wird die Konkordie über das Bekenntnis gestellt. Pfarrer werden aber auf die Bekenntnisschriften bei der Ordination verpflichtet, diese gelten also! Vor Jahren war in der sächsischen Landessynode umstritten, ob die Konkordie als verpflichtend in die Kirchenverfassung aufzunehmen sei. Das ist damals verhindert worden. Daran gilt es festzuhalten und sich gegebenenfalls darauf zu berufen.

Karl-Hermann Kandler

Die Geschichte und die Probleme der Leuenberger Konkordie (aus dem Sommerrundbrief 2017)

Dies ist der erste Teil eines Beitrags unseres stellvertretenden Vorsitzenden Karl-Hermann Kandler zur Leuenberger Konkordie und ihren Problemen aus lutherischer Sicht. Der zweite Teil findet sich hier.

Die Geschichte der Leuenberger Konkordie

1973 wurde die Leuenberger Konkordie verfasst von lutherischen, reformierten und unierten Theologen aus verschiedenen Ländern. Aus Sachsen war Oberlandeskirchenrat Dr. Tannert an ihr beteiligt. Bei keiner Gegenstimme und vier Enthaltungen (darunter der Lutheraner Jörg Baur) wurde sie angenommen.
Ihr gingen zahlreiche Lehrgespräche voraus. Antrieb war die EKD-Grundordnung, die 1948 festgestellt hatte, dass es innerhalb der Evangelischern Kirche in Deutschland unterschiedliche Auffassungen über das heilige Abendmahl gäbe. Die EKD war ein Bund bekenntnisverschiedener Kirchen ohne Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Auch die Arnoldshainer Abendmahlsthesen von 1957 fanden bei den lutherischen Kirchen keine einhellige Zustimmung. Man bezeichnete sie als ein „Studiendokument“. Man gab sich auf reformierter und unierter Seite damit nicht zufrieden. Eine 2. Abendmahlskommission wurde eingesetzt, sie stellte ohne erneute theologische Debatte 1967 fest, dass in allen Gliedkirchen der EKD eine „offene Kommunion“ praktiziert werde, also auch Glieder einer reformierten oder unierten Kirche in der lutherischen Kirche und umgekehrt zum Abendmahl zugelassen werde, doch wurde den das Abendmahl feiernden Geistlichen die „seelsorgerliche Verantwortung“ darüber zugesprochen. Die reformierten Kirchen boten den Lutheranern Kirchengemeinschaft an, worauf die Lutheraner gemeinsame Lehrgespräche anboten. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen und die beiden konfessionellen Weltbünde, der Lutherische und der Reformierte Weltbund, sprachen sich für sie aus. So kam es zu mehrfachen Lehrgesprächen – diesmal aber zunächst nicht zur Abendmahlsfrage. Der lutherische Neutestamentler Leonhard Goppelt begründete das so: „Die Abendmahlsfrage (wurde) nicht aufgenommen, weil die Arnoldshainer Thesen erwiesen, daß hier keine der beiden Konfessionen trennenden Unterschiede mehr vorliegen“. Das entsprach nicht den Tatsachen. Hans Graß hatte 1961 erklärt, dass die durch die Thesen „von den Lutheranern geforderten Opfer zweifellos größer (sind) als die der Reformierten“. Die neuen Gespräche wurden 1964-1967 in Bad Schauenburg geführt. Verabschiedet wurden Thesen zu den Themen Gesetz, Wort Gottes und Bekenntnis. Deren Ergebnisse waren aber offensichtlich vielen zu akademisch. Die Gespräche wurden abgebrochen und neu auf dem Leuenberg ab 1969 geführt. Ziel war erklärtermaßen die Herstellung von Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen, reformierten und unierten Kirchen. Es ging also nicht mehr um einzelne Themen, sondern pragmatisch um das Thema „Kirchengemeinschaft und Kirchentrennung“.

Anstoß dazu geben dazu die „Thesen zur Kirchengemeinschaft“ der deutschen Landeskirchen. Zu den Gesprächen wurden nun auch verwandte vorreformatorische Kirchen (Waldenser, Brüder-Unität) eingeladen. 1971 wurde der Entwurf einer Konkordie der Öffentlichkeit übergeben und um Stellungnahmen und gegebenenfalls Änderungswünsche gebeten. Die eingehenden Änderungswünsche führten wohl Präzisierungen im Text, aber keine grundsätzliche Korrektur. Doch eine wesentliche Korrektur wurde bei dem Abschnitt über die Taufe vorgenommen, denn im Entwurf war nicht zu lesen, dass diese mit Wasser zu vollziehen sei. Dahinter stand die Ablehnung der sakramentalen Wassertaufe bei Karl Barth. Im endgültigen Text ist festgehalten, dass sie „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser vollzogen“ wird. Behauptet wird im Text der Konkordie, dass es ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums gibt und dass es eine Übereinstimmung der bisher kontrovers gesehenen Lehren von Taufe, Abendmahl, Christologie und Prädestination (Vorherbestimmung/Erwählung) gäbe. Der elsässische Lutheraner Marc Lienhard hatte das grundlegende Referat gehalten. Ihm ging es darum festzustellen, dass es keine Hinderungsgründe mehr für eine Kirchengemeinschaft zwischen den konkordierenden, also der Konkordie zustimmenden Kirchen mehr gibt. Er meinte, es sei „eine Revision der Verwerfungen der Vergangenheit möglich wie auch notwendig“. Es wurde aber letztlich nicht gefragt, ob noch solche Hinderungsgründe bestehen, sondern von vornherein festgestellt, dass es solche nicht mehr gäbe. Immerhin hat Lienhard festgehalten: „was einmal als Verfehlung des Evangeliums erkannt ist, kann nicht durch eine neue Situation Wahrheit werden“. So heißt es auch im Konkordientext, dass man „die Entscheidungen der Väter ernst“ nimmt. Die geschichtlichen Veränderungen würden die alten Sachdifferenzen nicht aufheben, aber sie würden sie relativieren. So glaubte man, auf eine „prozessual gewagte Kirchengemeinschaft“ eingehen zu können, weil, so wurde behauptet, die gegenseitigen Verwerfungen in den Bekenntnisschriften den Partner heute nicht mehr träfen. Man wollte endlich ein Ergebnis, eine Kirchengemeinschaft haben. So kam es zu den kompromisshaften Formulierungen der Leuenberger Konkordie, die schließlich 1973 beschlossen und den an den Gesprächen beteiligten Kirchen zur Annahme übergeben wurden: „Kirchengemeinschaft im Sinne dieser Konkordie bedeutet, dass Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes aufgrund der gewonnenen Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren und eine möglichst große Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst an der Welt erstreben.“ Es gibt zwar außer in der Abendmahlslehre, Christologie und Prädestinationslehre weitere strittige Fragen, etwa zur Lehre von den beiden Reichen oder zum geistlichen Amt. Darum verpflichtete man sich zu weiteren Lehrgesprächen über die bisher noch nicht behandelten Probleme. Sie sind auch inzwischen geführt worden. Zwar sollen die jeweiligen Bekenntnisschriften weiterhin gelten, aber sie werden durch die Konkordie – entgegen ihrem Wortlaut – als ein Superbekenntnis überlagert. Der Konkordientext spricht nicht von einer durch sie begründeten Kircheneinheit, aber von einer Kirchengemeinschaft. Das Lutherische Einigungswerk hat nach Annahme der Konkordie dagegen beim Verwaltungs- und Verfassungsgericht der Vereinigten Ev.-Luth. Kirche geklagt. Dieses hat zwar die Klärung der Frage, ob sie nicht gegen das Bekenntnis verstoße, als berechtigt anerkannt, aber diese an die Kirchenleitung der VELK(DDR) zurückgegeben. Eine Klärung ist nie erfolgt.
Angenommen wurde die Konkordie zunächst von 50 europäischen Kirchen (in Deutschland von allen Landeskirchen). Eine Reihe von lutherischen Kirchen – vor allem skandinavische –  haben Vorbehalte vorgebracht und sie nicht unterzeichnet. Die Selbständige Ev.-Luth. Kirche lehnt sie ab. Heute wird in der EKD und ihren Gliedkirchen vielfach argumentiert, dass durch die Konkordie Geistliche aus einer der anderen konkordierenden, aber bekenntnisverschiedenen Kirche übernommen werden können. So wurde ein Reformierter Bischof einer lutherischen Landeskirche (Braunschweig). Die Bekenntnisunterschiede sind also in der Praxis völlig relativiert.
Was sind die uns Lutheranern besonders schwerfallenden Aussagen der Konkordie? Eine sei herausgegriffen, die Aussage über das hl. Abendmahl. In unseren Bekenntnissen heißt es, „dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und des Weines im Abendmahl gegenwärtig ist und dort ausgeteilt und empfangen wird“. Das ist für reformierte Christen so nicht annehmbar. Für sie sind Brot und Wein „gewisse Wahrzeichen des Leibes und Blutes“, also Wahrzeichen, aber nicht selbst Leib und Blut Christi. In der Konkordie heißt es nun: „Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. So gibt er sich selbst vorbehaltlos allen, die Brot und Wein empfangen.“ Es ist also nicht die Rede davon, dass wir in/unter Brot und Wein wirklich Leib und Blut Christi empfangen. Es steht auch nicht da, dass diese reale Gegenwart von Leib und Blut Christi durch sein wirkendes Wort geschieht. Es ist nur von seinem verheißenden Wort die Rede. Die wirkliche Gegenwart (Realpräsenz) wird nicht gelehrt, sondern durch eine personale Gegenwart Christi durch den Heiligen Geist ersetzt („In Verkündigung, Taufe und Abendmahl ist Jesus Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig“). Sicher ist Christus personal im Abendmahl gegenwärtig, er ist der Herr des Mahles, aber die Gabe des Abendmahles ist nicht eindeutig beschrieben. Im Evangelischen Gesangbuch steht (Nr. 530, 6): „Ich habe Jesu Leib gegessen,/ ich hab sein Blut getrunken hier;/ nun kannst du meiner nicht vergessen,/ ich bleib in ihm und er in mir.“ Das ist unser Glaube, in dem wir leben und mit dem wir sterben wollen. Das ist eine klare Aussage, wie sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmt. Daran wollen wir festhalten.
Es sind also keine Kleinigkeiten, die uns Lutheraner so kritisch gegenüber der Leuenberger Konkordie sein lassen. Wir erleben es jetzt andauernd, dass nur noch davon gesprochen wird, dass wir im Abendmahl Brot und Wein (oder gar Saft) empfangen. Häufig werden heute die Einsetzungsworte nicht mehr über Brot und Wein auf dem Altar gesprochen, sondern nur noch der Gemeinde zugewandt bestenfalls über einem Hostienteller und über einem Kelch. In manchen Gemeinden wird bei der Ausspendung nicht mehr gesagt: „Christi Leib, für dich gegeben, Christi Blut für dich vergossen“, sondern nur noch: „Das Brot des Lebens: für dich; der Kelch des Heils: für dich“. So ist es auch in der „Erneuerten Agende“ als Möglichkeit vorgesehen. Die Leuenberger Konkordie hat also Konsequenzen, die wir in unseren Gottesdiensten erleben.
Karl-Hermann Kandler, stellv. Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses

Pressemitteilung Lutherisches Einigungswerk (Werk der VELKD): Lutherischer Tag 2017

Pressemitteilung Lutherisches Einigungswerk (Werk der VELKD): Lutherischer Tag 2017

Leipzig. Am 21.06.2017 versammelten sich Vertreter verschiedener lutherischer Werke sowie zahlreiche Gäste zum „Lutherischen Tag“, der jährlich vom Lutherischen Einigungswerk (Werk der VELKD) organisiert wird. Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens wurde im 500. Gedenkjahr der Reformation ein festlicher Gottesdienst gefeiert.

Die Predigt hielt Bischof Dr. Carsten Rentzing (Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens). Christus sei „Maß und Mitte“ der Lehre der lutherischen Kirche und das mache sie notwendig. Die in der Schrift und Bekenntnis bekannte Realpräsenz Christi im Abendmahl, und somit in der Mitte des Gottesdienstes und des kirchlichen Lebens, sei das besondere Charisma der lutherischen Kirche.

In einem anschließenden Grußwort benannte Bischof Mameo von der Lutherischen Kirche Tansanias die Versammlung als eines der wenigen „Glutnester des Glaubens“ in den Kirchen der Nordhalbkugel. Bischof Voigt (Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche) bekräftigte den Wunsch nach einer Einigung der lutherischen Kirchen durch das gemeinsame Bekenntnis.

Am Nachmittag referierte Prof. Dr. Wolfgang Sommer aus Neuendettelsau über das Kirchenverständnis Martin Luthers und dessen Bedeutung für die heutige Kirche. Dabei forderte er insbesondere eine Wiederentdeckung der reichen spirituellen Tradition der lutherischen Kirche sowie größere Anstrengungen, das lutherische Bekenntnis in den Gemeinden bekannt und verständlich zu machen.

Dieses Anliegen sowie die Sammlung der bekennend-lutherischen Christen in den verschiedenen Kirchen vertritt das Einigungswerk seit 150 Jahren. Auch in Zukunft will es eine Plattform für den Austausch und das Gespräch bieten. Der nächste Lutherische Tag ist also schon fest im Blick.

Leipzig, 26.06.2017


Press release of the Lutheran Unity Society (formerly the General Evangelical Lutheran Conference): Lutherischer Tag 2017

Leipzig. Representatives of different Lutheran Societies as well as numerous guests gathered on the 21.06.2017 to take part in “Lutherischer Tag”, a conference held annually by the Lutheran Unity Society. To celebrate the 150th anniversary of the organization a festive service was held in St. Nicolai church.

Bishop Carsten Rentzing of the Lutheran church of Saxony preached the sermon. Christ is “the center and measure” of the teaching of the Lutheran church and only from him it draws its importance. His real presence in the Lord’s Supper and thus in the center of the life of the church itself, confessed in scripture and the confessions, is the special charisma of the Lutheran church, he said.

In an address following the service Tanzanian Lutheran Bishop Mameo called this gathering one of the few “nests of glowing coals of faith” in the churches of the northern hemisphere. Bishop Voigt (Independent Evangelical Lutheran Lutheran – SELK) affirmed the desire for bringing the Lutheran Churches together through their common confession.

The afternoon saw Prof. em. Dr. Wolfgang Sommer of Neuendettelsau give a lecture on Luther’s ecclesiology and its importance for the church today. He especially pleaded for a rediscovery of the rich contemplative tradition of the Lutheran Church as well as for greater efforts to make the Lutheran Confessions know and understandable to congregations again.

This plea along with the gathering of confessional Lutheran Christians from the different Lutheran churches has been the task and call of the Lutheran Union Society for 150 years. In future it will continue to seek to be a platform for exchange, cooperation and teaching. The next “Lutherische Tag” is already being planned.

Leipzig, 26.06.2017

Grußwort zum Reformationsjubiläum (“Stimme der Väter” im Weihnachtsrundbrief 2016)

Professor Christoph Ernst Luthardt – einer der Väter des Einigungswerkes und Schirmvater des Jubiläumstages – grüßt und unterbricht die Kirche mitten in ihrem beschäftigten Reformationsjubiläum  mit seinen Gedanken aus dem Jahr 1880:

 
„Um mich, um meine Seele und Seligkeit handelt es sich und wird es sich einst handeln im jüngsten Gericht; da kann kein anderer, auch nicht die Korporation der Kirche für mich eintreten; sondern Christus muss m e i n Heiland sein und seines Heils mich persönlich teilhaftig und gewiß gemacht haben. Das ist der Fortschritt der Reformation in der Entwicklung des religiösen Geistes in der Kirche: diese persönliche Wendung welche dem objektiven Heil gegeben wurde. Es ist das Recht der Subjektivität, dessen Zeitalter damals eröffnet wurde. Seitdem setzt sich das Prinzip der Subjektivität auf allen Gebieten durch, wie auf dem religiösen so auf dem allgemeinen geistigen, sittlichen, politischen, sozialen. […]
Daraus erklärt es sich denn auch, wie der Rationalismus dazu kommen kann, sich für die Fortsetzung und Vollendung der Reformation auszugeben. […] Und noch heute versteht man vielfach unter Protestantismus diese unbedingte Freiheit des einzelnen, sich seinen Glauben in der Schrift selbst zusammenzusuchen, oder schließlich auch ohne die Schrift sich seinen Glauben zu bilden und sich von der Authorität der Schrift und der kirchlichen Lehre zu dispensieren und dabei doch – oder eben darum – ein guter Protestant zu sein. Aber so hatte es Luther nicht gemeint, das war ihm nicht in den Sinn gekommen, eine solche unbeschränkte Freiheit zu predigen und sie zur Grundlage der Kirche zu machen […].
Aber auch für den einzelnen fiel es ihm nicht ein, eine solche Freiheit zu lehren, vermöge derer jeder selbst nach Gutdünken die Schrift deuten und kritisieren und sich zum Richter über die Wahrheit aufwerfen kann. Seine Meinung war nicht, dass der einzelne und seine Vernunft Quelle und Norm der Wahrheit sein solle – nichts lag ihm ferner – vielmehr sollte er Empfänger der Wahrheit sein. Die Wahrheit solle sein persönlicher Besitz und seine persönliche Gewißheit aber nicht sein individuelles Erzeugnis sein. Vielmehr Quelle und Norm der Wahrheit war ihm die göttliche Offenbarung, die ihre Urkunde und ihr Zeugnis in der Schrift hat. Ihr ist der einzelne untergeordnet, nicht übergeordnet. S i e ist Richterin und Authorität, nicht der Mensch.

Wenn Luther sich auf sein Gewissen beruft, so war es sein im Wort Gottes gebundenes Gewissen, also im Grunde dieses Wort Gottes selbst, auf das er sich berief. […]Er kannte kein Recht des Subjekts, außer in der Unterordnung unter die höhere Autorität der göttlichen Wahrheit, deren Offenbarerin ihm allein das Wort Gottes und deren Bewahrerin ihm die Kirche war. Das also war die Subjektivität der Reformation, eine ganz andere als die Subjektivität des modernen Rationalismus, dessen Grundsatz somit zwar an die Reformation anknüpft, aber die Entstellung der Reformation ist.“
Prof. Christoph Ernst Luthardt, „Vorträge über die modernen Weltanschauungen“, gehalten zu Leipzig im Winter 1880, S. 29 ff.